Was es heißt, ein Drehbuch zu schreiben – Teil V

Was es heißt, ein Drehbuch zu schreiben – Teil V

Nachdem ich angefangen habe, mich mit dem Geschichtenerzählen auseinanderzusetzen und Film zu studieren, habe ich einige Filme geguckt, die ich bereits kannte und sehr gut in Erinnerung hatte. Was mich erstaunt hat, war, dass einige davon nicht ansatzweise so gut waren, wie ich dachte. Aber warum hielt ich sie überhaupt mal für gut?

Ein starkes Ende kompensiert (scheinbar) eine schwache Story.

Doch damit das möglich ist, muss ein Ende mindestens ein besonders wichtiges Kriterium erfüllen. Es muss einen emotional aufgeladenen Abschluss darstellen, denn was der Zuschauer aus einem Film mitnimmt, sind seltener Bilder im Kopf, immer aber eine bestimmte Emotion. Um ein Beispiel zu nennen: So sehr die Meinungen zu Titanic von James Cameron auch auseinandergehen, eine der Hauptfiguren am Ende der Geschichte sterben zu lassen, war eine unheimlich starke Entscheidung.

Die damit verknüpfte Emotion ist natürlich Trauer, denn auch wenn Rose nach der Katastrophe mit dem Leben davon gekommen ist, hat sie mit Jack doch ihre scheinbar große Liebe verloren. Die Zuschauerschaft ist ihr als Figur zuvor sehr nahe gekommen und im Idealfall komplett mit ihr synchronisiert, fühlt also, was sie fühlt. So geht auch ihr der Verlust besonders nahe. Das selbe Prinzip gilt auch für viele andere Geschichten, an deren Ende ein großer Verlust steht. Natürlich ist Verlust bei weitem nicht die einzige Emotion, die einen Zuschauer nachhaltig vom Ende eines Films überzeugen kann. Auch Genugtuung, Erlösung, Freude oder Wut sind möglich. Verlust ist aber wahrscheinlich die stärkste. Das hat jedoch noch einen anderen Grund.

Kein gutes Ende ist nur schwarz oder weiß.

„Ende gut, alles gut“ funktioniert nur selten. Das liegt daran, dass eine Figur in der Geschichte zuvor meistens eine Entwicklung durchmachen musste, um die Widerstände zu überwinden, die ihr auf dem Weg zu ihrem Ziel im begegneten. Doch keine Entwicklung kommt ohne Veränderung. Und Veränderung bedeutet immer, Dinge zurücklassen und Neues akzeptieren zu müssen. Diese Lektion gilt für Geschichten gleichermaßen wie für die Realität. Genau deshalb ist ein schwarz-weißes Ende auch nicht realistisch und überzeugt nicht zur Gänze.

Viel stärker ist es, wenn eine Figur ihr Ziel erreicht, dafür aber einen großen Verlust hinnehmen muss. Als Zuschauer ist man zwischen Freude und Trauer hin und her gerissen, besonders dann, wenn zwar das neu hinzu Gewonnene als „gut“ bewertet, das Zurückgelassene aber als „schlecht“ bewertet werden kann. Jack hat Rose das Leben gerettet – gut – dafür aber das eigene opfern müssen – schlecht. Ein gutes Ende hat immer mindestens einen bitteren Beigeschmack, es lässt sich nicht eindeutig als positiv oder negativ bewerten. Im Idealfall löst es sogar Diskussionen aus.

Ein gutes Ende hat aber auch inhaltliche Funktionen.

Normalerweise werden in einer Geschichte diverse Stränge erzählt, die wie Fäden miteinander verwoben werden. Diese Stränge bestehen häufig vor allem aus Beweggründen einzelner Figuren, ihren Handlungen und deren Konsequenzen. Vor allem sind sie aber fast immer so konzipiert, dass sie Spannung auslösen, entweder, weil man sich nach dem „warum“ fragt, oder danach, wie es weitergeht. Je mehr Fragen allerdings aufgeworfen werden, desto mehr Antworten müssen auch gegeben werden. Auch wenn diese Antworten hinausgezögert werden, damit der Zuschauer engagiert mitdenken kann, tut man gut daran, am Ende einer Geschichte zumindest die wichtigsten Fäden zusammenzuführen und die größten Fragen zu beantworten. Ansonsten kann es schnell passieren, dass der Film ein einziges Rätsel darstellt, unverständlich in Erinnerung bleibt und auf Ablehnung stößt.

Etwas schwieriger verhält es sich mit dem sogenannten „Plot Twist“, der unerwarteten Wendung. Diese baut auf eine etablierte Erwartungshaltung und viele Hinweise, die auf eine bestimmte Erklärung hindeuten, welche dann aber nicht die richtige ist. Ein guter Plot Twist lässt den Zuschauer den Hut vor dem Erzähler ziehen, ist aber alles andere als leicht zu konstruieren. Nichtsdestotrotz bleiben gerade Plot Twists lange in Erinnerung und erfüllen damit eines der wesentlichsten Kriterien, die einem guten Ende zugeordnet sind.

Damien Chazelle ist ein Meister des starken Endes.

Er ist für Erfolgsfilme wie Whiplash, La La Land oder Aufbruch zum Mond verantwortlich. Am Beispiel von La La Land möchte ich noch erklären, wie ein starkes Ende besonders geschickt aufgebaut werden kann. Achtung, Spoiler.

Mia träumte ihr Leben lang davon, ein Schauspielstar zu werden, Sebastian wollte immer großer Jazz-Musiker mit einer eigenen Jazzbar sein. Beide allein scheinen auf ihrem Weg nicht mehr weiterzukommen, bis sie aufeinander treffen. Eine herzerweichende Liebesgeschichte entsteht. Die beiden helfen sich gegenseitig auf ihrem Weg weiter, doch je näher sie ihrem Ziel kommen, desto klarer wird ihnen, dass ihre Träume nicht zusammenpassen. Die Grundlage für ein Ende mit geteilten Emotionen ist gelegt.

Zeitsprung: Mia ist eine berühmte Schauspielerin geworden. Sie hat scheinbar alles erreicht. Als sie nach Hause kommt, sehen wir, dass sie ein Kind hat. Wir freuen uns, in der Erwartung, zu sehen, dass sie und Sebastian es doch geschafft haben. Doch der Vater von Mias Kind ist ein anderer, uns fremder Mann. Natürlich freuen wir uns, dass Mia ihren Traum verwirklichen konnte, doch die liebevolle Beziehung, die wir zuvor begleiten durften, gibt es nicht mehr. Und das ist für uns viel schwerwiegender.

Doch anders als angenommen ist dies noch nicht das Ende.

Es ist ein falsches „schlechtes“ Ende.

Mia und ihr neuer Mann gehen aus. Spontan entscheiden sie, eine Jazzbar zu besuchen und treffen dort unerwarteter Weise Sebastian, der als Besitzer gerade ein Konzert gibt. Auch er hat also erreicht, wovon er immer geträumt hat – nur leider eben nicht mit Mia zusammen. Als er beginnt, ein Lied zu spielen, das zuvor als Thema des Paares Mia + Sebastian etabliert wurde, werden wir als Zuschauer noch ein letztes Mal in eine Fantasiewelt entführt, in der die beiden wieder zusammen sind. Wir sehen, was hätte sein können und auch wenn wir eigentlich wissen, dass dies nur eine Fantasie ist, wollen wir daran festhalten.

Es ist ein falsches „gutes“ Ende.

Als der Song vorbei ist, werden wir wieder in die Realität zurückgeholt und sehen Mia und Sebastian, wie sie sich einen Moment lang tief in die Augen schauen. An ihrer Mimik erkennen wir, dass sie akzeptieren, wie die Dinge gekommen sind, dass sie füreinander aber immer noch genau so empfinden, wie zuvor. Wir sehen jedoch auch, dass sie loslassen können, dass sie den Schmerz der Trennung überwunden haben und dass sie einander nur das Beste wünschen. Davon abgesehen, dass die Inszenierung und das Schauspiel von Emma Stone und Ryan Gosling unfassbar gut sind, ermöglicht uns vor allem das zuvor gesehene, all diese Empfindungen zu verstehen, ohne dass auch nur ein einziges Wort zwischen den beiden gewechselt wird.

Und das ist das wirkliche Ende des Films.

Nachdem wir als Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt wurden, müssen wir einsehen, dass das Ende für beide Hauptfiguren genau das richtige ist, auch wenn wir selbst uns etwas anderes gewünscht hätten.

Diese Kombination aus dem Spiel mit Erwartungen, Gewinn und Verlust und dem Zusammenführen verschiedener Stränge macht das Ende von La La Land enorm stark. So bleibt der Film im Gedächtnis, weil er mit einer starken Emotion verbunden ist. In gewisser Weise hat der Film aber auch eine Moral: „Sei bereit, deine Gefühle zu vernachlässigen, wenn du deinen Traum verwirklichen willst.“

Menü schließen