Was es heißt, ein Drehbuch zu schreiben – Teil III

Was es heißt, ein Drehbuch zu schreiben – Teil III

Letzte Woche habe ich bereits erklärt, dass es aus meiner Sicht nicht zwingend eines Talentes bedarf, um eine gute Geschichte zu schreiben. Für viel wesentlicher halte ich es, das Handwerk des Schreibens zu beherrschen, sowie – natürlich – eine gute Idee zu haben.

Doch woher bekommt man gute Ideen?

Häufiger begegnet mir das Statement „Die besten Geschichten schreibt das Leben“. Ich kann dem jedoch nur bedingt zustimmen, denn das Leben lässt sich im Normalfall doch sehr bitten, eine ausgefallene Geschichte zu erzählen. Und seien wir mal ehrlich – kaum ein Mensch ist wirklich so ungewöhnlich, dass ihm ständig die schrägsten Dinge passieren. Trotzdem hat die Aussage einen wahren Kern, und zwar einen sehr psychologischen.

Die allerwichtigste Aufgabe einer Geschichte ist es nämlich, zu berühren, also Emotionen zu erzählen und Emotionen zu wecken. Damit das aber funktioniert, muss der Leser, Zuschauer oder Zuhörer erstmal einen persönlichen Bezug entwickeln. Nicht umsonst sehen Außerirdische in Science-Fiction Filmen meistens aus wie Menschen. Es fällt uns einfach leichter, Empathie mit jemandem oder etwas zu empfinden, das uns ähnelt oder zumindest bekannt vorkommt. Und deshalb bewegen auch die Geschichten am meisten, die eine gewisse Nähe zu unserem Leben haben.

Wen hasst der Zuschauer mehr: Voldemort oder Umbridge?

Die Harry Potter Reihe ist ein exzellentes Beispiel zur Veranschaulichung dieses Umstandes. Voldemort, der wichtigste Antagonist des Helden Harry Potter, ist das ultimativ Böse. Er schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, hat unzählige Leben auf dem Gewissen und wird von allen halbwegs vernünftig tickenden Charakteren verabscheut oder zumindest gefürchtet. Doch wie geht es dem Zuschauer? Natürlich empfindet auch der Voldemort gegenüber eine gewisse Abneigung. Aber dazu kommt auch eine gewisse Faszination.

Schauen wir uns doch anstelle dessen mal Professor Umbridge an. Die Frau ist eine Karikatur an sich. Rosa Jäckchen, rosa Minirock, rosa Mützchen und rosa Schuhe. Ihr Büro? Voll mit (Zauber-) Bildern von kleinen, süßen Kätzchen. Sie hat immer ein zuckersüßes Lächeln auf den Lippen, und gerade ihr ikonisches Kichern wird wohl niemand vergessen. Doch wenn ich dieses Kichern höre, kommt mir die Galle hoch. Und woran liegt das? Professor Umbridge ist neben ihrem harmlosen Erscheinen ein vollkommen unausstehlicher Mensch. Sie ist die sadistische Lehrerin, die jeder von uns kennt. Sie ist die Gutbürgerin, die sich immer an alle Vorschriften hält und ihren Vorgesetzten am liebsten in den Allerwertesten kriecht. Und gleichzeitig gelten für sie Regeln nur so lange, wie sie ihr von Vorteil sind.

Professor Umbridge ist eine Alltags-Tyrannin.

Und damit ist sie eine Figur, die dem Zuschauer bzw. Leser sehr viel bekannter vorkommt als Voldemort. Dadurch ruft sie bei ihm oder ihr in der Regel auch eine deutlich stärkere Emotion hervor.

Das bedeutet jetzt aber natürlich nicht, dass alle Figuren so sein müssen. Worum es mir geht, ist ein Bewusstsein dafür, dass Geschichten einen Bezug zur alltäglichen Realität haben sollten. Im Umkehrschluss heißt das also, dass besonders emotionale Erlebnisse, gleich welcher Art, grundsätzlich eine gute Basis für Geschichten bieten. Dabei steht es dem Autor natürlich frei, die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten, oder komplett neue zu erschaffen. Science-Fiction Filme haben, abseits von ihrem oft philosophischen Charakter, meist relativ wenig mit unserem Alltag zu tun. Trotzdem können sie zutiefst bewegen. Wichtig ist nur, dass man in dem, was man erzählen will, ein emotional starkes Element findet.

Eine Geschichte entsteht dann, wenn ein Bedürfnis auf Widerstand trifft.

Hat man nun ein Szenario entdeckt, über das man etwas erzählen möchte und darin eine starke Emotion herausgearbeitet, muss man Ereignisse „verdichten“. Natürlich muss man erst einmal Ereignisse finden, doch dafür reicht es meistens, sich zu fragen, wie eine bestimmte Figur in dieser speziellen Situation, in der sie sich befindet, handeln würde und welche Konsequenzen ihr Handeln hätte. Dafür ist es oft hilfreich, sich bewusst zu machen, dass eine Geschichte durch ein Bedürfnis, das auf Widerstand trifft, entsteht. Dabei gilt: Je mehr Widerstände, desto besser.

In Star Wars ist es Anakin Skywalker, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Jedi-Ritter zu sein. Doch ihm gegenüber stehen Kräfte wie die dunkle Seite der Macht, seine eigenen Emotionen, seine Hitzköpfigkeit, sein Mangel an Geduld, sein Drang, sich zu beweisen und die scheinbar mangelnde Anerkennung für sein Potential. Und Anakin zerbricht an diesen Widerständen. Er zerbricht so sehr, dass er am Ende sogar erkennen muss, dass er für den Tod von allem, was er geliebt hat, selbst verantwortlich ist.

Geschichten sind Dichtung und Dichtung bedeutet Verdichtung.

Die Ereignisse in Star Wars sind extrem dramatisch. Star Wars ist ein besonders gutes Beispiel für eine funktionierende Geschichte, weil die meisten Figuren und Ereignisse einen nahbaren Charakter haben, auch wenn das Szenario insgesamt wohl kaum unvorstellbarer sein könnte. Die Fehler, die Anakin macht, die Versuchung, mit der er in Berührung gerät, all das scheint jedem passieren zu können, wenn auch in anderem Maße.

Was Star Wars, vom Setting mal abgesehen, von unserer Realität unterscheidet, ist, dass alle Figuren und Ereignisse sehr viel extremer sind. Das, was im Film das Imperium oder der Todesstern ist, ist in unserer Realität vielleicht nur der unsympathische Vermieter. Hier kommt die „Verdichtung“ ins Spiel. Aus einem leichten Auf und Ab der Gefühle und Ereignisse wird eine rapide Berg- und Talfahrt gemacht, indem Ereignisse und Figuren „extremisiert“ werden und all das, was dazwischen passiert, aber wenig interessant ist, aus der Erzählung weggelassen wird. In gewisser Weise handelt es sich hierbei also um eine Kürzung, die aber erst dann stattfindet, wenn die Geschichte ausgearbeitet und in sich logisch ist.

Kürzen und Komprimieren sind die besten Freunde eines Autoren.

Ein Schreibprozess besteht aus vielen, vielen Überarbeitungen. Dabei sind zwei der wichtigsten Elemente das Kürzen und das Komprimieren. Warum genau und worum es sich dabei überhaupt handelt, erkläre ich im nächsten Text.

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