„Das Melancholische Mädchen“ – Analyse

„Das Melancholische Mädchen“ – Analyse

„Das Melancholische Mädchen“ ist das Spielfilmdebüt der dffb-Studentin Susanne Heinrich, die zuvor als Buchautorin tätig war. Es folgt eine Analyse des Max-Ophüls Gewinners von 2019.

4/5

"Ich imitiere mich selbst"

Dieser Satz könnte der bestgeeignete sein, wenn es darum geht, zu beschreiben, wie jeder zu sich selbst steht und sich gleichzeitig doch irgendwie auch selbst belügt. Manchmal verhalten wir uns auf eine bestimmte Weise, weil wir wissen, dass dies theoretisch die Art und Weise ist, in der wir uns in bestimmten Situationen verhalten würden. Aber oft handeln wir nicht aus einer Emotion heraus, sondern einfach aus unserem Vorwissen über uns selbst. Das ist zumindest, was das melancholische Mädchen, die Protagonistin des gleichnamigen Films, behauptet.

Der Film könnte der künstlerischste Film sein, den ich jemals gesehen habe. Er ist hochgradig ambitioniert in seinem Bemühen, mittels 14 Episoden die westliche Gesellschaft und deren Werte zu dekonstruieren. Dabei ist jede einzelne Episode eine Persiflage auf einen einzigartigen Aspekt eben jener Gesellschaft.

Plot

„Das melancholische Mädchen“ versucht jede Nacht aufs neue einen Schlafplatz zu finden, da sie keine eigene, feste Unterkunft hat. Gleichzeitig versucht sie ein Buch zu schreiben, kommt jedoch nicht über die erste Seite des zweiten Kapitels hinaus. Und das ist der gesamte Plot. Minimalistisch, doch genau dessen ist sich der Film auch bewusst, betont doch das melancholische Mädchen selbst sogar, dass die Katastrophe ihm und seinesgleichen immer bereits passiert ist, dass es keine Entwicklung gibt, nur eine konstante Stagnation.

Thema

Die 14 Episoden diskutieren verschiedene Themen, etwa Feminismus, Sex, Kapitalismus, Konsumismus, Mutterschaft oder Depression. Während jedes dieser Themen auf die eine oder andere Weise lächerlich gemacht wird, ist die alledem zu Grunde liegende Moral doch eine Kritik an einem System, in dem es immer nur eine „innere Variation“, nie jedoch die Möglichkeit des Ausbruchs gibt. Während es also möglich ist, zwischen zwei verschiedenen Angeboten des Systems zu wählen, kann man nie gegen das System selbst wählen. Und in gewisser Weise steckt darin viel Wahrheit, denn natürlich sind wir frei darin, unsere Entscheidungen zu treffen, müssen jedoch auch immer die Konsequenzen dieser tragen. Und die Konsequenzen wiederum sind vom System gemacht.

Der Film möchte aus diesem Gefängnis ausbrechen und tut dies auch auf jede denkbare Art. Schauspieler sprechen auf die desinteressierteste Weise ihren Text, die Erzählstruktur bricht mit jeder Konvention, Szenen sind simpel und unauthentisch eingerichtet. Dadurch polarisiert der Film in höchstem Maße. Entweder mag man ihn gar nicht – oder man versucht, herauszufinden, zu welchen Gedanken genau er anregen will. Als ich den Kinosaal verlassen habe, fragte mich eine Freundin, was denn meine Meinung sei – oder ob ich zumindest eine Tendenz dazu aussprechen könne, wie mir der Film gefallen hat. Doch genau das konnte ich nicht, denn der Film hat mich nicht in geringstem Maße berührt, dafür war er zu verrückt. Normalerweise würde ich einen Film aus so einem Grund nicht mögen, doch in diesem Fall wäre es falsch, den Film bloß auf Grund der eigenen Gefühlslage zu beurteilen, denn er ist kein „Fühl-Film“, sonder ein intellektueller. Ich liebe es, zu philosophieren und „Das Melancholische Mädchen“ ist mindestens so philosophisch, wie er provokant ist.

Moral

Obwohl die Protagonistin behauptet, sie sei unglücklich, damit „du“, in diesem Fall ist damit der Rest der Gesellschaft gemeint, glücklich bist, behauptet sie auch, dass Depressionen keine individuelle Erkrankung, sondern ein gesamtstrukturelles Problem sind, das man als politisch betrachten kann und sollte. Als eine Gesellschaft sind wir der Meinung, jeder von uns müsste glücklich sein, aber warum eigentlich? Warum dieser Zwang zum Wohlbefinden? Natürlich ist es irgendwie schöner, glücklich zu sein, anstelle unglücklich zu sein, dennoch bedeutet letzteres nicht, dass man krank ist. Zumindest dann nicht, wenn das Unglück selbst gewählt ist. Doch genau diese Wahl bricht wiederum mit der Konvention, sie ist eine Wahl gegen die Gesellschaft und somit das System und dadurch ist sie politischer Natur.

Der Film kann heruntergebrochen werden auf eine Kritik daran, dass unsere Wahlfreiheit nur eine Illusion ist, die verschleiern soll, dass uns diktiert wird, aus welchen Optionen wir zu wählen haben. Einerseits stimmt das zwar, andererseits stellt sich jedoch die Frage, ob das überhaupt ein Problem ist. Der Film selbst vermittelt den Eindruck, dass dem so wäre, doch es gibt gute Gründe, zu widersprechen. Als Menschen liegt es in unserer Natur, uns in Gesellschaft wohler zu fühlen, zumindest ist das meine Wahrnehmung. Wenn jemand Teil einer Gruppe sein möchte, weil er sich so sicher und bedeutsam fühlt, muss er sich an die Regeln eben jener Gruppe anpassen. Und letztlich braucht jede funktionierende Gruppe oder Gesellschaft Regeln – sie sind also nicht zwangsweise etwas schlechtes. Trotzdem müssen sie aber von jemandem beschlossen werden und dieser jemand hat dadurch eine Macht, die er ausnutzen kann.

Unter dem Strich

Es gibt das Sprichwort „Jedes System korrumpiert“. Genau deshalb sei es die Aufgabe eines Künstlers, in die Opposition zu treten. Im Fall von „Das Melancholische Mädchen“ tut der Künstler als Instanz genau dies und zwar nicht nur durch humorvolle Angriffe auf ein dominierendes System, sondern auch dadurch, dass er die Zuschauer zur Diskussion einlädt. Das einzige Problem ist nur, dass diese Einladung ein bisschen versteckt ist, sodass ein Großteil der Zuschauer den Film wahrscheinlich nur oberflächlich betrachten wird.

– 8/10

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